Liebe! Und tue was du willst ..

Kürzlich entdeckte ich ein neues Magazin, das ich euch heute durch dieses Interview vorstellen möchte. Es nennt sich Zeitenwende. Mag sein, es ist nicht jedem Seins,  jedoch, zumindest dieses Interview der Kulturantrhopologin Christina Kessler, solltet ihr euch vielleicht “gönnen”.

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Interview mit Christiane Kessler

Christina Kessler

Über den „Schatz intuitiver Weisheit“ und die Verantwortung des Einzelnen für das Ganze schreibt Christina Kessler (Foto: Constanze Wild) in ihrer aktuellen Publikation „Wilder Geist – Wildes Herz“. Die ZEITENWENDE hat die Kulturanthropologin nach ihrer Vision für ein harmonisches Miteinander auf einem „gesunden“ Planeten Erde gefragt …

ZEITENWENDE: Frau Kessler, in Ihrem neuen Buch „Wilder Geist – Wildes Herz“ machen Sie die Abspaltung von den „inneren Räumen“ als Ursache für eine „Kultur des aggressiven Fortschritts“ aus, die dafür verantwortlich ist, dass der gesamte Planet – und mit ihm unser Leben – gefährlich aus der Balance gerät. Deshalb fordern Sie die Hinwendung zu Intuition, Mitgefühl und subtiler Wahrnehmung. Zeitenwende 54

 

Müssen wir wieder mehr weibliche Qualitäten entwickeln?

 

 

Christina Kessler: Nicht ich allein halte diese Hinwendung für notwendig. Ich bin nur ein Sprachrohr der verschiedenen geistigen Traditionen dieser Welt, die sich in diesem Punkt erstaunlich einig sind. Eine gesunde Balance von männlichen und weiblichen Qualitäten ist die Voraussetzung für einen bewussten, verantwortlichen Lebensstil, der dem Leben dient und nicht umgekehrt – ihm schadet.

Es handelt sich hierbei um eine der fundamentalen Aussagen der Weisheitslehren aller Völker und Epochen. Meine Aufgabe der letzten 35 Jahre war es, die Philosophien oder inneren Wissenschaften der Völker auf ihre wesentlichen Erkenntnisse hin zu durchleuchten, diese auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und in die Sprache der heutigen Zeit zu „übersetzen.“ Denn wo anders soll die Lösung für unsere Probleme zu finden sein, als in jenem universellen Wissensschatz, der sich bereits seit Beginn der Menschheit bewährt hat? Wir müssen die Weisheit nicht neu erfinden, sondern lediglich lernen, sie zu deuten und einzuordnen, damit wir ihr – wie einem Kompass – folgen können.

Unsere westliche Zivilisation ruht auf 4 typischen Säulen: Sie ist materialistisch, mechanistisch, rationalistisch und patriarchal. Das bedingt, dass sie sich vorwiegend nach außen hin – auf das Sichtbare, Beweisbare und Wiederholbare – das Objekthafte, Objektive – fixiert. Sie will begreifen und erfassen, ist männlich, Yang, eine Kultur der Macher und des Beherrschens, die systematisch den Zugang zur weiblichen Seite von Selbst, Welt und Menschheit abgeschnitten hat. Denn weiblich ist ein Synonym für innerlich. Es steht auch für das Wesentliche, das allem Gemeinsame.

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Weibliche Qualitäten sind weiche Qualitäten – des Fließens und Mitschwingens, der Intuition, der Spontaneität und Kreativität, des neu Hervorbringens. Sie haben mit Respekt, Verständnis, Toleranz und Einfühlungsvermögen, also mit Fühlen oder Fühlig-Sein zu tun, damit, den Dingen ihre eigene innere Entwicklung zu lassen. Sie bringen eine andere Form von Intelligenz hervor, eine „flüssige Intelligenz“, wie es der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget nannte; wir können auch von Flow-Intelligenz sprechen.

Wer regelmäßig „innehält“ und „in sich geht“ erlangt Einsicht in die inneren, unsichtbaren, dynamischen Zusammenhänge – Intuition (das Wort Intuition kommt von lateinischen intueri – hineinblicken). Der erkennt mit der Zeit die Prinzipien oder inneren Gesetzmäßigkeiten, man könnte auch sagen „die innere Ordnung der Dinge.“ Und gleichzeitig wächst in ihm das Bedürfnis, diesen Erkenntnissen zu folgen, danach zu leben. Das ist Weisheit.

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Heutzutage geht es darum, wieder zur Weisheit zurückzufinden, denn Wissen ohne Weisheit kann äußerst zerstörerisch sein, wie wir tagtäglich zu spüren bekommen. Erst die Weisheit ermöglicht eine wirkliche Orientierung – wie Wissen sinnvoll und lebensfördernd angewendet werden kann.

ZW: Sie beziehen Ihre Erkenntnisse z.T. aus der Erforschung und Beobachtung alter Kulturen. Können Sie kurz zusammenfassen, was wir von diesen in Bezug auf die „Rettung unseres Planeten“ lernen können.

CK: Typisch für alle vorzivilisatorischen Kulturen wie auch für die Naturvölker ist eine Weltsicht der Allverbundenheit: Alles ist mit allem verbunden und bedingt sich gegenseitig. Auch der Mensch ist unlösbar eingebunden in das Ganze. Er ist Teil des Ganzen, welches von einer inneren, durch den Menschen nicht manipulierbaren Ordnung zusammengehalten, bewegt und reguliert, sprich: lebendig gehalten wird. Alles, was gegen diese Ordnung verstößt, hat negative Auswirkungen auf das Ganze und folglich auf einen selbst. Daher muss es unverzüglich „ausgebügelt“ und wieder in die richtige Bahn gelenkt werden. Eine natürliche Verantwortung dem Ganzen gegenüber, die ständig versucht, dem menschlichen Egoismus entgegenzuwirken, ihn nicht einschleifen zu lassen, ist die natürliche Folge.

Dies können wir lernen. Wollen wir unseren Planeten nicht gänzlich zugrunde richten, müssen wir sogar auf diese Weise denken lernen. Auch die Wissenschaften sind inzwischen zu einer ganzheitlichen Weltsicht gelangt, die sich mit den Philosophien alter Kulturen exakt deckt. Nur die Ausdrucksweisen sind verschieden. Mit anderen Worten: Es kann gar nicht ausbleiben, dass sich unsere Einstellung kollektiv in diese Richtung bewegen wird. Die Frage ist nur, ob das auch schnell genug geht.

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ZW: Ken Wilber hat in seinen Veröffentlichungen, vor allem in „Boomeritis“, auf die Gefahren der Prä/Post-Verwechslung hingewiesen, die z.B. zu einer „Verklärung“ des Lebens von Naturvölkern und einer Verdammung der „Rationalität“ führen kann. Wie sieht aus Ihrer Sicht die zeitgemäße Verbindung archaischer Werte und moderner Vorstellungen aus?

CK: Mit der Prä-Post Differenzierung liegt Wilber völlig richtig und hat einen enorm wichtigen Beitrag zu einem neuen Verständnis von Spiritualität geleistet.

„Prä“ ist für mich alles, was die Symbolsprache des Mythos, in der alle Weisheitslehren verfasst sind, wortwörtlich nimmt. Auf diese Weise werden aus Symbolen Götzen gemacht. Das trifft aber genauso gut auf eine Wissenschaft zu, die ihre theoretischen Modelle über die eigentliche lebendige Wirklichkeit stellt. Tatsache ist: Die Landkarte ist nicht die Landschaft, der Kalender nicht die Zeit.

„Post“ wäre, wenn ich a) Symbole und Modelle durchschaue und auf das blicke, was sie ausdrücken sollen (dazu brauche ich die Intuition) und b) gleichzeitig klar differenziere, was bloß Bild / Theorie / Konzept / Modell ist und was tatsächlich ist. Diese Fähigkeit wird erst aus der Hochzeit von Intuition und Intellekt, von innen und außen, Ying und Yang hervorgehen. Sie ist postrational und evolutionär.

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Ohne Symbolsprache kommen wir jedoch nicht aus, denn es ist die einzige Sprache, die das Unbeschreibliche beschreiben und das Unerklärbare verstehbar machen kann. Symbolsprache ist Innensprache. Erst wenn man das erkennt, kann man archaische Werte und moderne Vorstellungen zusammenbringen. Das Wort „archaisch“ würde dann einen anderen Geschmack bekommen und eher „universell“ bedeuten. Das Archaische ist noch mit Bilderglaube und Götzenanbetung behaftet. Universelles Wissen ist immerwährendes, zeitloses Wissen – Weisheitswissen, das niemals seine Gültigkeit verliert.

ZW: Viele Menschen fühlen sich dem rasanten globalen Wandel nicht gewachsen und angesichts von (Umwelt-)Katastrophen, Kriegen, Armut oder Existenzängsten häufig ohnmächtig. Kann der Einzelne überhaupt noch verändernd eingreifen?
CK: Oh ja, gerade jetzt sind wir alle gefragt. Ich glaube nicht, dass die notwendigen Veränderungen durch Politiker, Reformen oder organisierte Bewegungen ausgelöst werden. Vielmehr wird sich der Quantensprung durch die stille anonyme Kraft des Einzelnen vollziehen. Dadurch, dass, wer die inneren Zusammenhänge erkennt, selbst die Initiative ergreift: Dort etwas beiträgt, wo er etwas beitragen kann. Dort anfängt, wo es ihm möglich ist.

Was nützt die beste Umweltreform, wenn der Großteil aller Menschen weiterhin unbewusst konsumiert und der Einzelne seine Beteiligung – etwa im wirtschaftlichen Gesetz von Angebot und Nachfrage – ignoriert. Oft geschieht dies nicht einmal aus Bequemlichkeit, sondern tatsächlich, wie es in Ihrer Frage anklingt, weil man sich selbst für unwichtig und seinen eigenen kleinen Beitrag für nichtig hält. So sind die meisten von uns erzogen. Konditioniert durch die Überzeugung: Wer bin ich schon? Ein Jahrtausende alter Trick des patriarchalen Systems, den Bürger in Schach zu halten und ihn von selbst bestimmtem Handeln abzubringen.

Wir könnten diesem System, dessen Mechanismen längst ins Destruktive umgeschwappt sind, einfach die Macht entziehen, indem wir nicht mehr mitmachen bei dem, was Schaden anrichtet. Stattdessen ganz bewusst positive, konstruktive, heilende Alternativen und Lösungen wählen. Das ist eine simple Sache, und sie würde die Welt retten. Man müsste sie nur tun. Nur davon zu wissen und darüber zu reden nützt nichts. Diese Wahrheit will gelebt werden, um ihre Wirkung entfalten zu können.

ZW: Entwerfen Sie eine Vision für ein harmonisches Miteinander auf einem „gesunden“ Planeten Erde …

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CK: Eine solche Vision trage ich seit langem in mir und versuche sie Wirklichkeit werden zu lassen, so gut ich kann. Daher weiß ich auch, dass sie bestens funktioniert und weder abgehoben noch utopisch ist. Meine Erfahrungen in anderen Kulturen haben mir auch gezeigt, dass einige grundsätzliche Dinge bereits Wunder wirken:

Gerade in einer sich zunehmend vernetzenden, global werdenden Welt müsste das höchste Gebot Respekt und Achtung vor dem Anderen sein. Denn erst durch Würdigung erschließt sich dessen eigentlicher Wert, der meist eine Bereicherung oder Ergänzung der eigenen Perspektiven und Fähigkeiten ist. Aus der Kooperation des Verschiedenartigen könnte sich eine unerschöpfliche Quelle an menschlichen Kompetenzen entwickeln.

Wie gut täte es, wenn wir alle wieder Vertrauen haben könnten – in das Leben, die Welt und die Mitmenschen. Fangen wir damit an, indem wir selbst aufrichtig und ehrlich sind! Es ist die schnellste und unmittelbarste Form, miteinander in Einklang zu kommen. Diversität und Individualität können sich auf gesunde Weise nur entfalten, wenn wir gleichzeitig auf das Gemeinsame schauen. Erst im Bewusstsein der inneren Un-Teilbarkeit (in-dividere) erhält Individualität ihren eigentlichen Sinn. Das Eine / Einfache und das Viele / die Vielfalt sind zwei Betrachtungsweisen, die zusammengehören.

<-Quelle:

Von diesem ständigen Entweder-Oder zu einem versöhnenden Sowohl-als-auch zu gelangen, das wäre meine Vision. Es ist die Vision des wilden Herzens und einer ungezähmten, sprich unkonditionierten Weisheit jenseits sämtlicher Klischees und Schablonen.

Aber auch: Wie wohl würden wir uns fühlen, wenn es weniger kleinliche Kritik als großzügiges Wohlwollen gäbe, gemäß der Devise: Dont look at the bad side, look at the good side and bring it up. Mehr Humor, diese tolle Fähigkeit, hinter den Unvollkommenheiten des Lebens das Vollkommene, die Ganzheit wahrzunehmen.

Wenn die Medien statt der pathologischen Streuung von Bad News und der damit verbundenen konsequenten Angst-Mache endlich zur Verbreitung von Nützlichem übergingen und den Einzelnen zu Wahrheit, Freude und Ästhetik motivieren würden.

Wenn wir schon von klein auf – im Elternhaus, in der Schule – ermuntert würden, unsere Berufung zu finden und diese zum Beruf werden zu lassen.

Wilder Geist, wildes Herz<-Quelle:

„Liebe! Und tu, was du willst“, so müsste der kategorische Imperativ für eine globale Kultur des Herzens lauten – in dieser meiner Vision, die zugleich meine tiefe Überzeugung ist: Der Mensch der Zukunft wird ein Liebender sein oder er wird nicht mehr sein.

„Wilder Geist – Wildes Herz“ von Christina Kessler, J. Kamphausen Verlag, 200 Seiten.

tg

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Quelle: http://www.magazin-zeitenwende.de/Themen/Neues-Denken/Interview

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